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LTE wird zum weltweiten Mobilfunkstandard

Mobile World 2009: Auf der weltgrößten Mobilfunkmesse der Welt, der Mobile World, in Barcelona konnte sich die Fachwelt in dieser Woche von den Fortschritten bei der kommenden Mobilfunkgeneration überzeugen. Noch dürfte es einige Jahre dauern, bis die neue Technik bei Handyfreunden ankommt, doch es scheint: Long Term Evolution oder kurz LTE kommt schneller, als man denkt.

 

Gene Rittenhouse, Chef der Bell-Labs von Alcatel-Lucent, hat eine Vision. "In zehn Jahren", so beschreibt der Forscher des weltgrößten Telekommunikationslabors, "könnten Menschen mit Brillen durch die Straße laufen, auf denen sie sowohl die reale als auch die virtuelle Welt sehen." Auf dem Brillenglas wären dann z. B. Navigationstipps oder auch kurze Empfehlungen von Freunden für das ein oder andere Restaurant zu sehen.

 

"Wir müssen beim Mobilfunk ja nicht immer an das Handy von heute denken", so Rittenhouse in Barcelona. Breitband im Mobilfunk, davon ist der Forscher überzeugt, macht viel mehr möglich, als wir uns bislang vorstellen können.

 

Doch noch ist die Telekommunikationswelt weit von derartigen Anwendungen entfernt. Das zeigte sich auch und gerade auf dem Messegelände am Fuße des Montjuic, wo Fest- und Mobilfunknetze in den vier Messetagen ständig zusammenbrachen.

 

Dafür war in Barcelona jede Menge Zukunftsluft zu schnuppern. So waren bei vielen Ausstellern Demonstrationen der kommenden Mobilfunkgeneration Long Term Evolution aufgebaut. Von Ericsson über Nokia Siemens Network, von der chinesischen Huawei bis zur japanischen NEC - sie alle wollten zeigen, dass sie up to date sind.

 

Schließlich haben sie gemeinsam hart an der Standardisierung der nächsten Mobilfunkgeneration gearbeitet: In der NGMN-Allianz - Next Generation Mobile Network - wurden die technischen Spielregeln detailliert festgelegt. "Das Equipment von verschiedenen Herstellern läuft miteinander", sagte Anthony Berkley, LTE-Stratege beim Ausstatter Alcatel-Lucent. Die Netzausstatter und -betreiber haben in diesem Fall hehre Ziele: Sie wollen einen weltweiten Standard etablieren, der sowohl in Asien und Australien als auch in Europa, Afrika und Amerika funkt. Ein bislang einmaliges Unterfangen.

 

Vor allem jedoch soll mit dieser neuen Technik der ständig wachsende Hunger nach Bandbreite gestillt werden. Video über Handy, Netzwerken über Facebook, Musikdownloads über iTunes, Fotospaß mit Flickr - das alles propagierten vollmundig die Mobilfunkanbieter in den Messehallen. Und das alles füllt und verstopft die Netze.

 

Doch das schockt Carl-Henric Svanberg nicht. "Die nächste Mobilfunkgeneration LTE wird die Geschwindigkeit auf 150 Mbit/s erhöhen", verkündete der Chef von Ericsson, des weltgrößten Ausstatters von Mobilfunknetzen, auf der Mobile World und ergänzte selbstbewusst: "Wir legen Wert darauf, auch hier eine frühe Marktführerschaft zu übernehmen."

 

Wie es scheint mit Erfolg. Die Schweden sind am heimischen LTE-Netz der Telia Sonera und dem von Japans NTT Docomo beteiligt. In Stockholm soll die vierte Mobilfunkgeneration bereits 2010 kommerziell starten. Von Handys ist man dann noch Monate entfernt. "Zunächst wird es Steckkarten und Sticks für Notebooks geben", sagte Thomas Noren, LTE-Manager bei Ericsson.

 

Doch auch bei den LTE-Geräten gibt es schnelle Fortschritte. Noch bei der gemeinsamen Demo von Nortel, T-Mobile und LG im Sommer vergangenen Jahres in Bonn war das "Handy" so groß wie ein Koffer. Jetzt wurde im Pavillon von T-Mobile ein kleines Endgerät des koreanischen Herstellers LG zum Publikumsmagneten.

 

"Das haben wir erst vor zwei Wochen bekommen", erklärte der junge Ingenieur an der Demonstrationsinsel des größten deutschen Mobilfunkers.

 

"Wir können mit 50 Mbit/s senden", erklärte er, während die Videoübertragung einer Testfahrt in Bonn auf großen Bildschirmen lief. "Manchmal sind es auch nur 30 Mbit/s", ergänzte er, als plötzlich Artefakte auf dem Display zu sehen waren. Und fügte schnell hinzu: "Das liegt nicht an LTE, das ist das Netz hier in Barcelona."

 

Sein Chef Hamid Akhavan ist in Sachen LTE zurückhaltender geworden. "Wir arbeiten bereits jahrelang an LTE", erklärte er in Barcelona und versicherte: "Die Tests gehen weiter." Technologisch sind die Fakten gesetzt. Jetzt allerdings käme es darauf an, dass für die Technik die richtigen Frequenzen mit ausreichender Bandbreite zur Verfügung gestellt werden. "Die Einführung hängt von externen Entscheidungen ab", so Akhavan und spricht damit die Politik an.

 

Weltweiter Standard wird je nach Land auf anderen Frequenzen funken

 

LTE wird je nach Kontinent in verschiedenen Frequenzen funken: In Japan mit 2,1 GHz, in den USA mit 700 MHz und in Europa mit 2,6 GHz. Für dieses Frequenzband kommt es noch in diesem Jahr in vielen europäischen Ländern - auch in Deutschland - zu Auktionen. "Wir rechnen damit nach der Bundestagswahl", so Ericsson-Experte Noren. Noch lieber jedoch würden die Anbieter im MHz-Bereich funken. Die Versorgung in Häusern, große Zellenradien und weniger Antennen wären nur einige der damit verbundenen Vorteile.

 

"Mit LTE werden die Karten im Mobilfunkmarkt neu gemischt", meinte Alcatel-Lucent-Stratege Berkley. Der französisch-amerikanische Konzern, der bislang weltweit nur wenige Mobilfunknetze aufgebaut hat, wittert Morgenluft.

 

Schließlich sei LTE mehr als nur ein Netz aus Mobilfunkantennen und Basisstationen, so Berkley. "Hinter LTE verbirgt sich die komplette Umstellung der Netze auf IP-Technik." Was im Festnetz längst Standard ist - der vollständige Transport von Informationen über Datenpakete - hält dann auch im Mobilfunk Einzug. Alcatel-Lucent, nach eigenen Angaben die Nr. 1 in Sachen IP (Internet Protocol), hofft daher auf ein ordentliches Stück vom Kuchen.

 

Des einen Freud, könnte des anderen Leid werden. Längst gilt Long Term Evolution mit seinen dicken Datenraten als potenzieller Ersatz für das Festnetz. "LTE ist ein guter DSL-Ersatz", sagte Ericsson-Experte Noren. Eine Debatte, die mit der diesjährigen Mobile World noch längst nicht beendet sein dürfte.

 

by Regine Bönsch and Nikola Wohllaib, VDI Nachrichten

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